Schüchternheit oder Mutismus

Schüchternheit // Unsichere Kinder leiden im Stillen

Zwischen Schüchternheit und sozialer Phobie: Mit Fremden reden, an die Tafel gehen, Referate halten: Für schüchterne Kinder eine Horrorvorstellung. Sie haben Angst, ausgelacht zu werden und zu versagen. Dadurch geraten sie unter Druck – und scheitern dann tatsächlich. Ein Teufelskreis, der möglichst frühzeitig durchbrochen werden sollte, bevor er das Selbstbewusstsein mindert. Doch was hilft Schüchternen?

Die Angst vor den Anderen: Zwischen Schüchternheit und sozialer Phobie

Der erste Schritt ist, schüchterne Kinder überhaupt zu erkennen. Durch ihr leises Auftreten gehen sie im Kindergarten oder in der Schule schnell unter. Nur jeder fünfte Schüchterne zeigt die als klassisch geltenden Symptome wie Erröten, Blickkontakt vermeiden oder leises Sprechen. Ihre Zurückhaltung wird häufig falsch gedeutet: Schnell gelten unsichere Menschen als arrogant und desinteressiert. Doch auch, wenn schüchterne Kinder in Gruppen nicht stören, brauchen sie dringend Hilfe.

Schüchternheit mit gesenktem Blick durchs Leben

Schüchternheit ist keine besonders erstrebenswerte Eigenschaft. Wer schüchtern ist, wirkt gehemmt, scheu und unsicher. Viele Schüchterne haben Angst vor dem Urteil ihrer Mitmenschen. Lieber wären sie jemand anders.

Mutismus Schüchternheit Junge 5 Jahre BeratungExperten gehen davon aus, dass Schüchternheit zumindest zum Teil angeboren ist und in Familien gehäuft vorkommt. Wie stark sich die Unsicherheit ausprägt, hängt jedoch auch von den Lebensumständen ab. Wird ein schüchternes Kind ständig in Situationen gedrängt, die es nicht meistern kann, nimmt eine negative Spirale seinen Lauf: Das Kind wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es Schwierigkeiten hat und anders ist als andere Kinder. Das negative Feedback verstärkt sein negatives Selbstbild und kann sich zu ernsthaften Störungen auswachsen. Auch sehr dominante, korrigierende und anspruchsvolle Eltern können ein Kind so einschüchtern, dass es die Freude am Sprechen verliert und sich zurückzieht.

Schüchternheit bekämpfen

Schüchterne Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit und positives Feedback, um ihr Selbstbewusstsein zu stabilisieren. Sie sollten jedoch möglichst unauffällig gestützt werden. Man sollte sie im Alltag mitlaufen lassen und gezielt darauf achten, dass sie nicht untergehen und sie so normal werden zu lassen, wie es irgendwie geht. Das heißt auch, sie nicht in Watte zu packen. Schüchterne Kinder sollten sich im Alltag durchaus erproben können. Das fängt schon in der Familie an, wenn sie Verantwortung übertragen bekommen, die sie meistern können: beispielsweise im Haushalt helfen, einkaufen gehen oder mitentscheiden dürfen.

Mutismus – krankhaftes Schweigen

Eine extreme Form der Schüchternheit ist das krankhafte Schweigen. Beim sogenannten selektiven Mutismus sprechen Kinder nur noch mit Familienangehörigen oder engen Freunden. Das fällt häufig erst im Kindergarten oder der Schule auf. Dort bleiben mutistische Kinder stumm – und niesen, husten oder weinen sogar geräuschlos. Gründe für dieses unbewusste Verhalten können Trennungsängste, Kontrollzwänge, Traumata oder ein existenzielles Misstrauen sein. Betroffene Kindern brauchen eine Therapie, um wieder ins Leben zu finden. Selektiver Mutismus kommt in Deutschland doppelt so häufig vor wie Autismus: Rund sieben von 1.000 Kindern hierzulande leiden daran.

Stille bekommen weniger Hilfe

„Wir sind eine Gesellschaft, in der man sich zeigen muss, in der man sein Ego präsentieren muss …. Ich bin immer wieder überrascht, wie selbstverständlich Kinder, die durch Gewalt, Lautsein, durch Störprozesse auffallen, sofort Gegenstand pädagogischer Maßnahmen werden. Aber die Stillen, Schüchternen, fallen gar nicht auf. Dabei steckt hinter dieser Schüchternheit vielleicht auch eine Art Bedürftigkeit. Wir haben deutliche Hinweise darauf, dass die Zahl der depressiven Kinder und Jugendlichen steigt. Um die kümmert sich kaum jemand, es sei denn, sie werden massiv krank. Aber die Stillen, die den Betrieb nicht aufhalten, nicht stören, werden viel zu wenig beachtet.“  (Sozialpsychologe Heiner Keupp, LMU München 2008)